7.7.14

Es läuft


„Läufst du?"
"Ja."
"Du läufst?"
"Ja."

"Oder gehst du?“
„Ich laufe!“
„Also gehst du?“
„Nein ich laufe!“

„Zu Fuß?“
„Ja.“
„Na also!“
„Was?“
„Du läufst zu Fuß, also gehst du.“
„Ich gehe nicht.“

„Nun sei doch nicht so aggressiv!"
Ich bin aggressiv, weil ich laufe?"
"Weil du gehst."
„Ich laufe, verdammt noch mal.“

„Du nimmst dich viel zu wichtig.“
“Ich nehme mich wichtig, weil ich laufe und nicht gehe?“ 
"Du weißt doch gar nicht was du willst."
"Ich laufe."

„Aber irgendwann wirst du doch auch mal gehen.“
„Ja, irgendwann.“
"Wann?“
„Herrgott, das weiß ich doch jetzt noch nicht.“
„Du läufst doch vor dir selber weg.“

„Jetzt hast du es zugegeben.“
„Was?“
„Das ich laufe und nicht gehe, wenn ich laufen sage.“
„Das ist doch das selbe!“
„Das ist überhaupt nicht das selbe“

er zieht die Waffe

„Nimm die Waffe weg!“
„Sag erst, dass ich laufe!
„Ich wußte es, du bist aggressiv."
"Sag, das ich laufe."

"Du bist aggressiv,  weißt nicht was du willst und läufst vor dir selber weg, vor deinem Alter, vor deinen Ängsten, vor deinen ungelösten Problemen, vor deiner Kindheit, deinen Komplexen, merkst du das nicht?!“
„Sag es!“
„Ich sage überhaupt nichts du Asphalfaschist, du Diktator der Waldwege, du Pulsmesserfutzi!“

er schießt ihm ins Bein

„Verdammt noch mal, siehst du nicht, wie das Blut läuft?!“
„Ja, ich sehe es.“
„Du siehst es und bleibst so ruhig?!“
„Ja."
"Warum?"
"Weil es läuft."

er erschießt ihn 




©AM2014

6.7.14

Die Motte



Gestern, am Donnerstag, war ich krank,
da war eine lästige Motte im Schrank.
Die klopfte, beständig an die Tür. 
Da rief ich: „Du Falter, was kann ich dafür,
dass du dich verirrst in meinen Kleidern?“ -
und beschloss die Befreiung, der Motte zu verweigern!

„Außerdem hatte ich Schmerzen in der Brust
und aufzustehen daher überhaupt keine Lust.
Morgen ist Freitag und auch noch ein Tag,
da lass ich dich frei, - aber nur wenn ich mag.
Ich schlürfe jetzt Tee und schlucke Tabletten,
salbe die Brust und hüte die Betten!“

Gesagt, getan war sie nun stumm,
Dreht' ich mich zu anderer Seite um,
Legt die Glieder zur Ruh, - nun war es genug, 
schon vergessen die Plage, die ans Holze schlug.
Doch der Schlaf verweigerte die stete Gunst!
Der Falter hatte mir glatt die Stimmung verhunzt!

„Warum störst du denn meine Therapie?!
Das werd ich dir nie verzeihen – nie! “
Da kommt so ein hergeflogenes Tier
und stört meinen Husten, um viertel nach vier.
Nein! - ich werde mich nicht erregen.
Am End wegen einer Motte die Glieder bewegen.

„Hier! - sieh meine Pillen auf dem kleinen Tablett,
die bringen mir Schlaf, die sind zu mir nett.
Zwei in den Mund, etwas Wasser dazu,
Schon fallen die Lider - himmlische Ruh.
Egal wer da stört, wird nicht mehr gehört,
wer immer was will – 's ist endlich still.“

Im Traume jedoch tief, - oh Gram,
geschah es, dass der Falter mir näher kam.
Ganz leise, zirpend kommt der Wicht
singt Lieder mir vor, vom Jüngsten Gericht.
und haucht mir ein ins Mark und Bein,
mit feiner Stimme: „Schlaf doch du, Schwein!“

„Bleibe Fleisch und faule fett, 
du Herrenkind im Menschenbett!
Du König aller Lebewesen -
willst genesen? Sollst verwesen!“
Schon aufgeblasen stand vor mir,
verwandelt rasch ein Ungetier.

Ein Hyäne bissig, wild in ihrer Mähne,
vergrub in meinem kranken Hals die Zähne.
Das warme Blut floss auf das Laken,
ersoffen nun auch die Kakerlaken
und stille – ach, mein toter Mund,
im Schnee erstickt auf kühlem Grund.

Am Morgen - Licht! - Befreites Erwachen!
Ich stürze zum Schrank – zu den sieben Sachen.
„Oh, Motte – verzeih, ich bin nun bekehrt,
was hab ich getan? Dir den Ausflug verwehrt?
Ich lade dich ein, das sollst du wissen,
zu Honig und Wein auf meine Kissen.“

Wo bist du zu früh, erfrischender Stund‘?
Ich bin aus der Hölle erwacht - und gesund.
Hier steht der Sünder, der dich nun liebt
und dir sein halbes Königreich gibt.
Doch am Boden im Schrank – oh bittere Not,
da lag still die Motte – nackt und tot.


©AM2014